Die Wiener Symphoniker bei den Bregenzer Festspielen 2010
Dienstag, 20. Juli 2010 00:33
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Angenommen, der berühmte Mars-Soziologe hätte mit seinem Fernglas wegen eines schwerwiegenden optischen Defekts seit Jahrzehnten ausschließlich die Bregenzer Festspiele im Fokus: Könnte er mit seinem methodisch-theoretischen Rüstzeug aus dem Wandel des optischen Erscheinungsbilds tragfähige Rückschlüsse auf die gesamtgesellschaftliche Entwicklung ziehen? 1946 standen die Veranstalter, so war es in der Furche zu lesen, vor dem Problem, „Gäste ins Land zu rufen, ohne ihnen irgendwelche Bequemlichkeit zu bieten, ja unter Verzicht auf Unterkunft und Verpflegung“. Der Mars-Soziologe würde vermutlich 2010 konstatieren, dass die Festspielgäste mehrheitlich unter Verzicht auf Unterkunft und Verpflegung nach einer Seebühnenveranstaltung ihre bequemen Reisebusse bestiegen, um nach Haus zu fahren. Doch auch unter den aus zukünftiger Perspektive bescheiden dimensionierten Bedingungen der gegenwärtigen Bühnendekoration sollten „all jene, die die spektakuläre Neuinterpretation von Aida am und im Bodensee im Sommer 2009 versäumt haben oder ganz einfach schwebende Stuntfrauen, schwimmende Sänger und einzigartige Kran-Action noch einmal ganz in Ruhe und aus nächster Nähe betrachten möchten“ (© Bregenzer Festspiele-Zeitung), die Gelegenheit wahrnehmen, die „Wüstenoper am Bodensee“ in ihrer zweiten Saison zu erleben. Schwimmende Sänger erlebt man ja hin und wieder auch in normalen Opernhäusern, aber nirgendwo anders sieht man in dieser überwältigenden Pracht, wie zuerst die Sonne untergeht und dann gleich die Aida.
Und wer bisher glaubte, Kranfahren sei ein Job im Baugewerbe, kann nunmehr Zeuge der ästhetischen Transformation dieses Berufs in Richtung des „Kunstkranfahrers“ werden, der in knapp 80 m Höhe präzise Kranmanöver zu Verdis Opernpracht auszuführen hat. Ist solcherart das „Vergehen der Vergangenheit“ als Demonstration der Auflösung einer Kunstform auch am See implizit zentrales Thema, so steht Mieczyslaw Weinbergs Oper Die Passagierin explizit unter diesem Motto. Klar, dass eine Oper, die auf einem Schiff spielt, nur im Festspielhaus erklingen kann, wenn draußen die Wüstenoper im Wasser stattfindet. Die Ereignisse auf dem Schiff werden jedoch nur Auslöser für eine höchst problematische Reise in die Vergangenheit.
Mit Weinbergs Oper setzen die Bregenzer Festspiele ihr avanciertes Konzept fort, unbekannte, aber qualitätsvolle Opern zu präsentieren und dadurch potentiell auf eine Erweiterung des eingeengten internationalen Opern-Repertoires zu zielen. Für dieses hohe Ziel nehmen sie sogar eine gewisse künstlerische Aporie in Kauf: gelänge dies nämlich, würde dies bedeuten, exakt diese Werke künftiger Aufführungsmöglichkeit im Rahmen der Bregenzer Festspiele zu entziehen. Das Bregenzer Schicksal dieser geheim-exquisiten Werke unterschiede sich daher nicht von jenem postmoderner Durchschnittsware: einmal und nie wieder aufgeführt zu werden. Geht man zudem von einer limitierten Werkanzahl aus, welche die Kriterien „gut, aber unbekannt“ erfüllen, und hypothetisch zusätzlich von einer Anzahl x neu komponierter Werke innerhalb einer Zeitspanne y, so könnte man aus einer Kombination von statistischer Prognostik und Prinzipien der Wahrscheinlichkeitsrechnung eine mathematisch fundierte „Spieltheorie“ für das Festspielhaus modellieren, die zu zeigen imstande wäre, wie lange das Konzept eines sich selbst aufhebenden „Repertoires des Unbekannten“ fortgeführt werden könnte. Ob es das geheime Fernziel ist, die wegen des durchschlagenden Erfolgs samt folgender Repertoirebildung im Festspielhaus unaufführbar gewordenen Werke nach einer quasi künstlerischen Inkubationszeit auf der Seebühne zu präsentieren, dürfte sich selbst mathematischer Modellierbarkeit entziehen und hat auch für die derzeitige Musiker- und Publikumsgeneration kaum Relevanz. Näher liegend wäre ein Forschungsauftrag, der die längerfristige Repertoire-Penetration jener Werke (z.B. Karl V., Griechische Passion, For Mice and Men, Die Legende von der unsichtbaren Stadt Kitesch) untersucht, die innerhalb der letzten 15 Jahre im Festspielhaus zur Diskussion gestellt wurden und damit die Frage beantwortet, in welchem Ausmaß sich der internationale Opernbetrieb resistent gegen die innovative „Bregenzer Dramaturgie“ erweist.
Wie immer in den letzten Jahren ist der Komponist der „Hausoper“ auch „Composer in residence“ bei den Orchesterkonzerten. Vladimir Fedosejev wird (neben Mahlers Lied von der Erde) Weinbergs Symphonien Nr. 17 und 6 sowie sein Requiem zur Aufführung bringen, Dmitri Jurowski gestattet mit „Concrete“ – eine Motette über London bereits eine Vorausschau auf die nächstjährige „Residence“-Komponistin Judith Weir.
Orchesterkonzerte der Wiener Symphoniker bei den Bregenzer Festspielen 2010
Sonntag, 25. Juli 2010, 11:00 Uhr
Sonntag, 01. August 2010, 11:00 Uhr
Montag, 09. August 2010, 19:30 Uhr
Website der Bregenzer Festspiele 2010
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