„Ein Prozess, der Grenzen überwindet“
Dietmar Flosdorf, pädagogischer Leiter der Kinder- und Jugendarbeit der Wiener Symphoniker mit dem programmatischen Titel Orchester zum Anfassen, über das große Engagement der Orchestermusiker, Vermittlung als Begegnung und Prozess, die Faszination des gemeinsamen Musizierens, Musiker als Menschen wie Du und Ich sowie über direkte Begeisterung und leuchtende Kinderaugen
„In Zeiten wie diesen“, beginnt Dietmar Flosdorf das Gespräch äußerst engagiert, „in denen der musischen Bildung familien- und gesellschaftspolitisch immer weniger Raum gegeben wird, ist es wirklich eine dringende Notwendigkeit, dass die Menschen, die Musik zu ihrem Beruf gewählt haben, davon erzählen.“ Dabei sieht der pädagogische Leiter der Kinder- und Jugendarbeit der Wiener Symphoniker immerhin einen Wandel in der gesellschaftlichen Akzeptanz und Wahrnehmung: „Man sagt ja immer, dass die Wiener noch auf einer Insel der Seligen leben: So ist bei den hiesigen Orchestern – im Vergleich zu anderen, auch internationalen Klangkörpern – kaum zu beobachten, dass das Abonnenten- und Stammpublikum verloren geht. Trotz aller wirtschaftlicher Krisen! Vielleicht war hier deswegen lange Zeit für viele Verantwortlichen kein großer Handlungsbedarf spürbar, entsprechende neue Initiativen zu setzen. Doch inzwischen ist das gesellschaftliche Bewusstsein enorm stark gewachsen, so dass auch in anderen Orchestern und Kulturinstitutionen immer mehr die Richtigkeit und die Notwendigkeit von dem, was die Symphoniker tun, spürbar wird.“
Das Engagement der Wiener Symphoniker ist bereits im Jahr 2003 – eher um der Sache Willen, denn aufgrund kulturpolitisch motivierter Strategien – entstanden. Die Initialzündung ging von den Orchestermusikern aus, die sich direkt an Flosdorf wandten. Er selbst studiert Konzertfach Bratsche in München und Wien und wandte sich sehr bald auch der Musikvermittlung zu: „Ich habe bereits während meiner Studienzeit das Bedürfnis gespürt, die Grenzen des so genannten normalen Konzertbetriebs zu sprengen. Mit meinen Kammermusikensembles bin ich schon damals in Schulen, Altenheime oder auch Strafanstalten gegangen – gerade zu den Menschen also, die mit unserer Musik sonst live kaum in Berührung kommen.“ Durch das Musikstudium war Flosdorf mit den Musikern der Wiener Symphoniker bekannt und auch freundschaftlich verbunden. Die Symphoniker kannten seine pädagogische Arbeit und fragten bei ihm an, gemeinsam ein Konzept zu entwickeln. Nach einer Versuchsphase, die im gesamten Klangkörper sehr positiv aufgenommen wurde, entstand daraus das Projekt Orchester zum Anfassen – eine seitdem andauernde kontinuierliche Zusammenarbeit mit wegweisendem Charakter: „Die Symphoniker haben damals wirklich eine Vorreiter-Rolle gespielt. Als wir mit unserer Arbeit begonnen haben, wurde im deutschsprachigen Raum über Kinder- und Jugendarbeit von Orchestern kaum gesprochen.“
Wesentlicher Aspekt von Orchester zum Anfassen ist, dass die Schulprojekte keine einmaligen Begegnungen sind, sondern mehrere Workshopeinheiten beinhalten, die schließlich mit der Klassenfahrt zum Konzertsaal und dem Besuch einer entsprechenden Orchesterprobe sowie gegebenenfalls mit dem dazugehörigen Konzert abschließen. Flosdorf hat sein Konzept im Laufe der Jahre dahingehend erweitert, dass er in der Arbeit verstärkt spartenübergreifend agiert, um verschiedene Bausteine künstlerischen Schaffens miteinander zu verbinden. „Zudem ist es für mich von entscheidender Bedeutung, dass die Impulse der Workshops dann Eingang in den Unterricht finden und dort vertieft werden. Das Live-Musikerlebnis und die direkte Begegnung mit den Musikern ist eine nicht zu überbietende pädagogische Grundlage, auf der die Klassenlehrerinnen und Klassenlehrer aufbauen können. Dadurch wird dann auch das musikalische Wissen der Schülerinnen und Schüler vergrößert und die Botschaft der Veranstaltungen festgehalten. Mit dieser Vorgehensweise erreichen wir zudem die angestrebte Nachhaltigkeit: es entsteht ein Prozess, der Grenzen überwindet und neue Begegnungen in der Kreativität mit zahlreichen Bezugspunkten unter- und miteinander möglich macht. Wichtig für uns ist, dass solche Projekte nicht zu Alibiveranstaltungen verkommen. Mir geht es um die Qualität und dass der Sinn der Arbeit spürbar wird.“ Und darum, die Faszination des gemeinsamen Musizierens zu vermitteln: „Unsere Hauptbotschaft ist: miteinander live Musikmachen ist eine wahnsinnig tolle und lustvolle Sache! Das Gefühl, auf einen Punkt gemeinsam zu musizieren, ist kaum zu überbieten, und genau dieses Erlebnis möchte ich den Kindern in jedem Workshop mitgeben. Dass sie als Kollektiv aufeinander hörend zusammen arbeiten, in Korrespondenz und in sensibler Rückkopplung mit anderen – das ist ja auch das Entscheidende am Orchesterspielen.“ Diese eigene Erfahrung als Musiker kommt ihm auch bei der pädagogischen Arbeit zugute: „Bei der Vermittlung halte ich es für sehr hilfreich, sowohl Musiker als auch Pädagoge zu sein, sodass ich eben nicht nur als Lehrer wahrgenommen werde, sondern auch wirklich spürbar als Musiker zu meinen Zuhörern sprechen kann. Es macht einen großen Unterschied aus, ob man über Dinge aus eigener Erfahrung sprechen kann, oder ob man Angelesenes wiedergibt.“
Flosdorf betont, dass in dem Projekt natürlich ausschließlich die Musiker der Wiener Symphoniker mitarbeiten. Nur selten wird hin und wieder ein externer Musiker als Aushilfe zur Verstärkung hinzugezogen – meistens aufgrund des stets überaus stark ausgelasteten Dienstplanes des Orchesters: „Wir wünschen uns, dass die Kinder die Musiker – mit denen sie in den Workshops gearbeitet haben – im Konzertsaal erleben, wiedersehen und persönlich begrüßen können. Das Namensgedächtnis der Kinder ist enorm!“ Dabei ist die Zustimmung und die Mitarbeit der Kollegen entscheidend: „Das Klima unter den Kollegen ist toll, und ich fühle mich in meiner Arbeit sehr unterstützt. Zudem ist die Zusammenarbeit außerordentlich kreativ: von den Musikern kommen mittlerweile auch zahlreiche eigene Ideen und Initiativen – jeder kann sich einbringen, wie es ihm möglich ist. Ich finde es sehr spannend zu sehen, wie sich bei vielen Musikern die pädagogischen Kompetenzen weiter entwickeln und wie ihre Herangehensweise fortschreitet. Das Entscheidende ist, in einer für die Kinder verständlichen Sprache zu sprechen.“ Aber auch musikalisch ist höchste Konzentration gefordert: „Die Musik sollte gerade auch in diesen Projekten überzeugend und professionell gespielt werden. Das ist natürlich gerade das Schöne an dem Projekt mit den Symphonikern, dass durchgängig ein so hervorragendes Niveau der Instrumentalisten vorhanden ist. Kinder spüren das oft ganz genau – die Überzeugungskraft und Faszination von wirklich professionell gespielter Musik überträgt sich unmittelbar und direkt.“
Inzwischen genießt Orchester zum Anfassen einen so guten Ruf, dass weitaus mehr Anfragen von den Schulen zur Zusammenarbeit vorliegen, als von den Symphonikern berücksichtigt werden können. Dabei wird die Schulauswahl immer in Absprache mit der Geschäftsleitung des Orchesters getroffen. „Vorrangig wollen wir in Gegenden gehen, in denen die Kinder nicht selbstverständlich einen Zugang zu unserer klassischen Musik haben. So können auch diese zumeist sozial benachteiligteren Kinder am Konzert- und Musikerlebnis partizipieren. Uns geht es hier nicht um die Imagepflege beim Abonnementpublikum und den Stammkartenkäufern. Wir wollen auch nicht unbedingt das Publikum von morgen akquirieren – auch wenn das sicherlich ein schöner Nebeneffekt sein könnte. Uns liegt enorm viel daran, Begegnungen aufzubauen und zu vermitteln, dass ein Orchester aus Menschen wie Du und Ich besteht. Keine Halbgötter, keine hochstehenden Instrumentalakrobaten, sondern Menschen, die sich für Musik begeistern, andere daran teilhaben lassen wollen und die mein Freund und Nachbar sein könnten. Das ist ganz wichtig.“ Der Erfolg der Mühe zeigt sich bei diesem Publikum zumeist viel direkter und unverstellter: „Wenn ich während der Workshops in die vor Begeisterung leuchtenden Kinderaugen schauen darf, hat sich die ganze Arbeit gelohnt.“
Auf die Frage nach weiteren Entwicklungsmöglichkeiten, könnte sich Flosdorf noch stärkere Synergieeffekte vorstellen: „Schön wäre natürlich zum Beispiel eine Kooperation, Verbindung und Verzahnung mit den örtlichen Musikschulen – allerdings wird das leider aufgrund der vorhandenen Kapazitäten schwer möglich sein. Letztlich wäre es aber fantastisch, wenn die Kinder, die bei uns solche Projekte mitmachen und sich beim Ausprobieren der Instrumente manchmal als echte Naturbegabungen herausstellen, diese dann gleich in der Folge lernen könnten – so sie natürlich selbst wollen. Aber an Begeisterung und Motivation fehlt es eigentlich nie!“
Interview und Text: Tilman Dost
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